Der böhmische Landtagsabgeordnete Franz Tattermusch

Franz Tattermusch (1841-1924), Landwirt und Gemeinderat in Kaunowa, wurde am 30.August 1884 im Wege einer Ergänzungswahl als Vertreter des Landgemeindewahlbezirks Saaz, Postelberg, Komotau, Sebastiansberg, Podersam-Jechnitz in den Böhmischen Landtag gewählt. Er erhielt 244 von 267 abgegebenen Stimmen. Die Ergänzungswahl war notwendig geworden, nachdem der bisherige Landtagsabgeordnete für diesen Bezirk, der Direktor der Kaadner Ackerbauschule Dr. Schneider, der bis dahin zu den radikalsten Mitgliedern der Deutschliberalen Partei in Böhmen gehört hatte, aus der Partei ausgetreten war und eine neue Deutsch-Österreichische Partei mit wirtschaftlichem Programm gegründet hatte. Franz Tattermusch zog für die Deutschliberale Partei Georg von Schönerers Deutsche Vertrauensmänner in den Böhmischen Landtag. Die Deutschen Vertrauensmänner stellten alle 30 deutschsprachigen Abgeordneten der Landgemeinden. Georg Schoenerer verfolgte mit seiner Partei einen Kurs des extremen Nationalismus, gepaart mit antidynastischer und antikirchlicher Gesinnung und einem offenen Antisemitismus. Im Böhmischen Landtag waren vertreten die Städte, die Landgemeinden, der Großgrundbesitz und die Handelskammern; dazu kamen noch fünf Kirchenvertreter (Klerikalstimmen). Nach der Sitzordnung saßen links die deutschen und rechts die tschechischen Abgeordneten. Während auf der deutschen Seite die Deutschliberalen, der Bauernbund und die Freie Wirtschaftspartei ihre Plätze einnahmen, wurde auf der tschechischen Seite nach alt- und jungtschechischen Abgeordneten unterschieden. Die Sitzungen wurden geleitet durch den Oberst Landmarschall Fürst Georg Lobkowitz. Die Regierung war in den Sitzungen jeweils vertreten durch Statthalter Baron Kraus, Statthaltervizepräsident Dr. Friedel Ritter von Friedensee und Statthaltereirat Kmoch. Sitzungssprachen waren Deutsch und Tschechisch. In der Sitzung am 16. September 1884 hat der Landesausschußbeisitzer Dr. Starda über die Wahl des Franz Tattermusch zum Landtagsabgeordneten berichtet. Die Wahl wurde anstandslos agnostiziert (bestätigt). In der Sitzung am 20.September 1884 fand die Angelobung (Vereidigung) des neu gewählten Abgeordneten Franz Tattermusch durch den Oberst Landmarschall statt. Der Wiener Ministerpräsident Taaffe versuchte, durch eine Politik der ausgleichenden Mitte Konfrontationen abzubauen und die nationalen und sozialen Konflikte in Gesamtösterreich zu entschärfen. Unter seiner Ägide wurde u.a. eine konservativ-reformerische Abeiterschutzgesetzgebung eingeleitet (Gewerbeinspektion, Arbeitszeitbegrenzung, Unfall- und Krankenversicherung), die dazu dienen sollte, das Arbeiterelend im Gesamtreich (insbes. Auch in den nordböhmischen Industriegebieten) zu mildern. Mit einer Vielzahl von Reformen versuchte Taaffe Gesamtösterreich zusammen zu halten. Dazu gehörten auch Zugeständnisse an die vielen Nationalitäten in der kuk Monarchie. Rechte und damit auch politische Einflussbereiche wurden neu definiert und lösten in den einzelnen Ländern neue Konflikte aus. Die Themen der Sitzungen des böhmischen Landtages, wie auch die Sitzungsabläufe, waren somit geprägt durch die starke Konfrontation der beiden Nationalitäten. Sprecher der Deutschen waren insbesondere die Abgeordneten Schmekal, Herbst und Knoll - auf der tschechischen Seite waren es die Abgeordneten Palacki, Reger und Clam-Martinic.

Schwerpunkt war der Sprachenstreit wegen der Taaffe-Stremayerschen Sprachenverordnung für Böhmen und Mähren vom 19.April 1880, die grundsätzlich die Doppelsprachigkeit im Verkehr der Gerichte und Behörden untereinander und mit den Bürgern festlegte sowie die sich daraus ergebenden weiteren Konflikte. Die Sprachenverordnung erregte besonders in den geschlossenen deutschen Siedlungsgebieten Ärgernis, weil die Behörden nun auch - zu Amtshandlungen in tschechischer Sprache verpflichtet wurden. Da die Tschechen – im Gegensatz zu den deutschen ohnehin meist beide Landessprachen beherrschten, bedeutete dies in der Praxis eine Besserstellung von tschechischen Beamten und Richtern. Es handelte sich also nicht nur um eine Prestige-, sondern auch um eine Brotfrage.

Justizminister Pražák hatte durch eine Durchführungsverordnung vom 23. September 1886 zur Sprachenverordung die Situation noch verschärft

Die deutschen Abgeordneten sahen eine Slavisierung Österreichs und forderten kategorisch die Anerkennung des deutschen Sprachgebietes, die Abgrenzung der Gerichts und Verwaltungsbezirke anhand der bereits bestehenden nationalen Abgrenzung der Schulbezirke und in der Sprachenfrage die Rückkehr zum Zustand vor der Sprachenverordnung, einen deutschen Senat beim Prager Obergericht, nationale Sektionen im Landeskulturrat und eine ähnliche Organisation des Landesschulrates. Den deutschen Abgeordneten konnten allerdings nicht mit ihren Forderungen durchdringen. Daraufhin ist eine Vielzahl von Abgeordneten – darunter auch Franz Tattermusch, am 22.Dezember 1886 nach einer Grundsatzerklärung Franz Schmeykals aus dem Prager Landtag ausgezogen und hat an den weiteren Landtagssitzungen nicht mehr teilgenommen und sich für eine – aus heutiger Sicht – völlig untaugliche Abstinenzpolitik zu entscheiden. In der Landtagssitzung am 16.Januar 1887 wurden diese Abgeordneten dann wegen unentschuldigten Fehlbleibens aus dem Landtag ausgeschlossen.

Da sich die Deutschen in Böhmen weder durch die Regierung Taaffe noch durch den böhmischen Landtag nationalpolitisch angemessen vertreten fühlten, gewann der Gedanke einer nationalen Zweiteilung der böhmischen Länder zusehends Anhänger. Sogar über die Schaffung einer eigenständigen Provinz Deutschböhmen mit einem Landtag in Reichenberg wurde nachgedacht.

Franz Tattermusch wurde am 02.Juli 1889 erneut in den Böhmischen Landtag gewählt. Diese Wahl war wiederum ein Erfolg der Deutschliberalen Partei, die in allen 30 deutschen Landgemeindebezirken ihre Kandidaten der deutschen Vertrauensmänner durchbrachte. Franz Tattermusch hat dieses Mandat auch angenommen.

Am 06.Oktober 1889 fand im Spiegelsaal des Deutschen Hauses in Prag eine Versammlung des Clubs der deutsch-böhmischen Landtagsabgeordneten statt. In dieser Versammlung wurde nochmals die Gesamtsituation erörtert und im Hinblick auf die Nichtbereitschaft der Parlamentsmehrheit, den deutschen Forderungen zu entsprechen, beschlossen, auch künftig den Sitzungen des Landtags fernzubleiben. Auch diesmal erfolgte ein Ausschluss der abgeordneten am 14. November 1889. Bei der erneuten Wahl am 30. Dezember 1889 wurde wieder ein Erfolg der Deutschliberalen Partei erzielt und Franz Tattermusch mit 227 Stimmen für eine weitere Wahlperiode gewählt.

Im Januar 1890 begannen dann Ausgleichsgespräche, die der Regierungschef Taaffe mit Unterstützung durch den Kaiser führte und die Hoffnungen nährten, der Nationalitätenstreit in Böhmen und Mähren könnte beigelegt werden. Ziel war, durch einen Minimalkonsens zwischen Deutschen und Tschechen in Böhmen und damit einen Abbau der nationalen Spannungen herbeizuführen. Es waren aber schon zu tiefe Gräben zwischen den Volksgruppen gegraben worden. Während die Tschechen verstärkt panslawistische Tendenzen verfolgten, sahen die Deutschböhmen ihre Zukunft in einem engen Bündnis mit dem Deutschen Reich. Aus relativ nichtigem Anlass (Zusammenstöße zwischen farbentragenden deutschen und tschechischen Studenten) entstanden vor allem in Prag schwere Auseinandersetzungen und Straßenkrawalle. Die Auseinandersetzungen hielten monatelang an, ließen dann nach und lebten wieder auf, sodass 1893 sogar der Ausnahmezustand über Prag verhängt werden musste. Dieser Ausnahmezustand konnte erst nach mehr als zwei Jahren wieder aufgehoben werden.

Die Regierung Taaffe stürzte im Jahre 1893, andere Regierungen folgten - der Auflösungsprozess der Habsburger Monarchie nahm dank aktiven Wirkens aller Beteiligten seinen unaufhaltsamen Fortgang.

In seiner Landtagstätigkeit, die von 1884 bis 1895 andauerte, erwarb sich Franz Tattermusch besondere Verdienste um die Wirtschaftsfragen und um das deutsche Vereinswesen.

Ein Nachruf auf Franz Tattermusch erschien in der Zeitung Bohemia vom 6.09.1924 (S.5)




unterschriften2