Tattermusch







Familiengeschichte

Die Familie Tattermusch stammt - soweit wir dies heute wissen - aus Nordwestböhmen. Die Tattermusch-Familien lebten seit dem 30jährigen Krieg als "Böhmen deutscher Zunge" bis zum Ende des zweiten Weltkriegs westlich der Linie Tetschen-Prag-Budweis mit Schwerpunkt im Raume Manetin und Saaz.

Die ersten Hinweise auf Träger des Namens Tatrman/Tatermann/Tadtermann/Tattermann/Tattermusch finden sich im Seelenverzeichnis/Poddaných Podle Víry von 1651 und in der Steuerrolle/Berní Rula von 1654. Dort ist für den Ort Stará Plzeň/Alt-Pilsen der 1606 geborene Schuster Jan Tatrman mit seiner Frau Anna eingetragen.Es spricht Einiges dafür, dass er erst im Laufe des 30jährigen Krieges dorthin gekommen ist. Seine Nachkommen siedelten dann in dem ostfränkischen Siedlungsgebiet in Nord-Westböhmen. Eine vollständige Durchsicht der Seelenlisten aus der Erhebung des Jahres 1651 ergibt keine Hinweise auf Träger dieses Namens in den Landkreisen Saaz, Rakonitz und Elbogen, damit wird deutlich dass der Name damals sehr selten war und hier wirklich der Keim der Familie liegt. Wie in den Seelenlisten eingehend beschrieben, hatte der 30jährige Krieg in diesem Gebiet furchtbare Spuren hinterlassen: Die Dörfer waren verwüstet, die Bevölkerung war dezimiert und entwurzelt, das Volk war insgesamt ohne ausreichende Existenzgrundlagen. Die ostfränkischen Siedler waren in diesem Gebiet, in dem damals zudem ein erheblicher Arbeitskräftemangel herrschte, sehr willkommen.

Ab 1680 breitete sich die Familie im Laufe der Jahrzehnte in Nordwestböhmen aus. Belegt sind die Siedlungsorte Brüx, Budweis, Dobrzan, Gablonz, Gärten, Golleschau, Gossawoda, Groß Otschehau, Jablon, Jechnitz, Johannisdorf, Kaunova, Klein-Holletitz, Kriegern, Liebeschitz, Liebotschan, Luditz, Mallnitz, Manetin, Mutiowitz, Nedowitz, Podersam, Postelberg, Prag, Pschehorsch, Puschwitz, Rakonitz, Teplitz, Saaz, Scheles, Tetschen, Tlesko, Turn, Welletschin, Welhotten, Wittoseß. Die Familie Tattermusch blieb also - zumindest bis etwa 1870 - im deutschsprachigen Siedlungsgebiet Nord-Westböhmens. Ein Teil der Familie ist dann auch in den tschechisch-sprachigen Raum Böhmens gezogen und hat sich dort eingegliedert.

Die Mitglieder der Familie waren von Beruf Bauern, Handwerker und Fuhrleute. Sie fanden ihren Broterwerb oft unter schwierigen Verhältnissen. Das Leben dieser Menschen wurde insbesondere auch durch die Verpflichtungen erschwert, das ihnen die Herrschaft auferlegte. Die sog. Robotverpflichtungen der Leibeigenen waren in Böhmen außerordentlich hoch. Erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Situation durch die Habsburger Bauernpolitik verrbessert. Die bäuerliche Erbuntertänigkeit wurde 1781 durch Joseph II aufgehoben. Erst ab diesem Zeitpunkt durften die Untertanen ohne Genehmigung der kirchlichen oder adeligen Grundherren heiraten sowie den Ort oder den Beruf wechseln. Diese Reformen wurden allerdings nur zögerlich und schrittweise umgesetzt. Dennoch, die Situation verbesserte sich zusehens und auch unsere Vorfahren kamen zumindest zum Teil zu bescheidenem Wohlstand und lebten friedlich-schiedlich mit ihren Nachbarn.
Nordwestböhmen war im Laufe der Jahrhunderte mehrfach Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen, die dann nicht nur die Existenzgrundlagen der Menschen vernichteten und sie zum Neuanfang zwangen, sondern auch vielfach Krankheiten Pest, Blattern und Cholera mit sich brachten. In den mir vorliegenden, um 1900 erschienenen, Kreisbeschreibungen für die Kreise Saaz und Podersam wird das sehr ausführlich und anschaulich berichtet.

Besonders zu erwähnen ist hier der Bauer Franz Tattermusch aus Kaunowa, der als Abgeordneter für die Kreise Saaz, Postelberg, Komotau, Sebastiansberg, Podersam und Jechnitz ab 1889 dem böhmischen Landtag angehörte, also zu einer Zeit, als der Nationalitätenstreit in Böhmen schon heftig entflammt war.

Im ersten Weltkrieg setzten auch die Angehörigen der Familie Tattermusch ihr Leben und ihre Gesundheit für ihre Heimat ein. Dies wird anschaulich durch die von mir im Österr. Staatsarchiv, Abt. Kriegsarchiv (Wien) eingesehenen Krankenblätter und Verlustlisten belegt.

Der zweite Weltkrieg wirbelte die Schicksale der Menschen im Sudetengebiet und später im Protektorat gründlich durcheinander. Einige Tattermusch-Familien versuchten, Distanz zu den Geschehnissen zu bewahren, andere dienten dem Deutschen Reich und wieder andere wurden verfolgt und kamen in Konzentrationslager (Theresienstadt und Mauthausen). Das Ende des 2.Weltkrieges bedeutete für fast alle dann Flucht und Vertreibung. Viele fanden ihre neue Heimat in Süddeutschland (Baden-Württemberg und Bayern) und in Sachsen. Heute leben in Deutschland zwischen Schleswig-Holstein und Oberbayern und zwischen Nordrhein-Westfalen und Sachsen sowie in Österreich und Tschechien etwa 100 Personen, die den Namen Tattermusch tragen.

Wer etwas zur Geschichte der Familie Tattermusch beitragen kann oder erfahren möchte, wendet sich bitte an:
Walter Tattermusch

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